Borderlaiser Weinnormalität

Es gibt Leute die behaupten ich hätte bei Weinen und den Preisen, welche ich dafür zu zahlen bereit bin, die Relation zum "Normalen" verloren. Das stimmt nicht ganz, denn man kann beim Trinken von alten und teuren Weinen auch Geld sparen!

In meinen Weinbeschrieben sind unter anderem folgende Weine verkostet und (ausser dem 1967 Château Cheval Blanc) auch verrissen worden:

1967 Château Cheval Blanc (Magnum); 1971, 1972, 1974 und 1975 Château Lafite­Rothschild.
Badaracco S.A. im Tessin - einer der Bigplayers im Handel mit alten Weinen verlangt - gemäss neuester Preisliste, datiert vom 15. April 2003, für oben erwähnte Weine folgende Preise:

1967 Château Cheval Blanc: CHF 660 (Magnum)
1971 Château Lafite-Rothschild: CHF 264
1972 Château Lafite-Rothschild: CHF 211
1974 Château Lafite-Rothschild: CHF 224
1975 Château Lafite-Rothschild: CHF 330

Weinliebhabern und gelegentlichen Trinkern alter Bordeaux steht nun folgende Option offen:

A.) man glaubt meinen Weinbeschrieben und spart viel Geld
 oder
B.) man verkostet obige Weine selbst, zahlt dafür viel Geld und wird enttäuscht sein!


Conclusio:
Der vermeintliche Verlust meiner Relation zur Bordelaiser Weinnormalität führt zu massiven Einsparungen für andere Weintrinker.

'70er Château Lafite-Rothschild

Was assoziiert man mit den 70er Jahren? Plastikstühle, gelb-orange Farben, welche sich gerne in Kreismustern präsentierten, lange Haare, Hosenenden, welche über die Schuhe fielen und das altbewährte Argumentarium, dass damals die Welt noch in Ordnung war.

War sie nicht, auch bei den Weinen nicht!

1971 Château Lafite-Rothschild, Pauillac
Ein Farbenmeer! Dies der Kommentar meines Gastes, als wir den oben erwähnten Wein analysieren. Ein nasales Farbenmeer? Ich weiss was er meint, es fehlt mir aber das Vokabular, das auch auf s Papier zu bringen. Trotzdem hier der Versuch: typisch verbrannte Terroirnoten, immer noch verspielt, grazile Holzdüfte, feingliedrig, Gemüse, postoperative Medizinalgerüche, Anflug von Plastik. Im Gaumen säure­betont, nett strukturiert, schön in der Breite, nachhaltiger Abgang.


1972 Château Lafite-Rothschild, Pauillac
Wenn man einen Performance-Vergleich machen würde, käme man im Dispositiv zum Schluss, dass hier einiges falsch gelaufen ist. Nicht im Keller, aber im Ageing Prozess des Weines. Er präsentiert sich geruchlich wie im Mund tot. Zieht man eine

Bilanz über alle 70er Jahrgänge dieses Château so schneidet der 1972 am schlechtesten ab. Eigentlich schade, da wäre mehr machbar gewesen!


1974 Château Lafite-Rothschild, Pauillac
Ein Kollege weilt zu Besuch und wir hatten vereinbart, einen älteren Wein zu verkosten. Im Nachhinein hätte ich diesen Jahrgang lieber nicht präsentiert.
Nase:
Ledrig, Stall, typisch: die nicht sauberen Fässer!, verbrannte Nase ohne irgendwelche Frucht-aromen, dann der totale Absturz: Strukturfehler wie beim 1973, man riecht die Hitze, welcher dieser Jahrgang abbekommen hat. Suppengemüse bis zum geht nicht mehr (Wirz). Im Gaumen dann zu allem auch noch Zapfen, biologisch tot, kaputt. Und diese Farbe, man bewegt sich im rostroten Bereich mit einem Wasserrand! Ich beschliesse, den Lafite 1975 aufzumachen.

1975 Château Lafite-Rothschild, Pauillac
Nase: Schokoladig, verblühende Rosen, leichtes Vanille, im Gegensatz zum vorher getesteten Wein sauber verarbeitet, aber immer noch heisse Noten, ein in den Wahnsinn treibendes Terroir. Der Gaumen präsentiert sich flach, fällt in sich zusammen, keine Todessüsse (warum nicht?), in der Farbe schwaches Purpur.

Conclusio:
1971 austrinken, 1972 & 1973 & 1974 in den Schüttstein, 1975 ebenfalls austrinken.

Bordeaux allgemein

Château La Croix Chaigneau 1999 / Pomerol

Nase:
Leder, Cassis, Toastbrot, Pflaumen, Brombeeren, dunkle Schokolade.

Struktur:
Im Auftakt schöne Fülle, mittelkräftig, in der Dichte könnte mehr sein, es reift hier jedoch ein schöner haitnonischer Wein heran. CHF 39 p. FL. Eher oben angesetzt.


Château Léoville Poyferré, (2ième cru)

Ich verkostete am Samstagabend oben erwähnten Wein:

Nase:
Kraftvolles erdiges Bouquet mit schweren, ausladenden Cassisdüften --> endlich wieder einmal ein richtiger Franzose! ! Grandioses Finale mit langem Abgang, der zum Träumen einlädt.

Struktur:
Geballte Tanine aber dennoch fein strukturiert. Dies verleiht dem Wein das gewisse etwas. Ferner hat er ein Potential, welches sich im Vergleich zum heutigen Preis als gute Investition in die Zukunft erweist.
Ich habe den Wein zu Lammfilet an einer Thymian-/Knoblauchsauce getrunken. Der Wein deckt das Essen fast zu, daher stellt sich die Frage: Was isst man zu einem solchen Wein in 10-15 Jahren? Ich tendiere zu Wild / Preiselbeeren / Spätzle. Zu einem noch späteren Zeitpunkt lässt sich Lammfilet ebenfalls passend dazu servieren. Meine Nachbestellung folgt... Danke für den Tipp, Klaus-Michael.

Auf dem Weinolymp .... in Obermenzing

So etwas hat Seltenheitswert: René Gabriel und Christopher Bünzli beim Verkosten eines 1995 Château Haut-Brion

Ein Münchner Sammler und Rechtsanwalt, dem mein verbindlichster Dank gilt - und den ich hiermit freundlich grüße - lädt mich im März 2005 mit einem kleinen Kreis von seinen Freunden zu einem Resumée diverser Bordeaux-Jahrgänge 1995 ein. Die 36 Weine wurden etwa eineinhalb Stunden vor der Verkostung dekantiert und nach Appellationen getrennt blind probiert. Soviel zur Vorgeschichte.

Was im Wohnzimmer folgt ist 1 Stunde knallharte Verkosterei, wo man am Schluss kaputter ist, als wenn man 60 Minuten „nordisch walken" geht. Aber dafür ist man hier hernach glücklich!

Die verkosteten Weine (Selektion):
Château Ausone, Château Bellevue-Mondotte, Château La C/usiere, Château Cheval blanc, Château Cos-d"Estournel, Château Gruaud Larose, Château Phelan Segur, Château Haut-Brion, Château Lafite-Rothschild, Château Latour, Château Mouton-­Rothschild, Château Pichon-Longueville Comtesse de Lalande, Château Leoville Las Cases, Château Léoville Poyferré, Château Lagrange, Château L'Eglise-Clinet, Vieux Château Certan, Château La Conseillante, Château Trotanoy, Château Margaux.

Und da war auch noch René, René Gabriel! Das macht die Degustation hammermässig, schier unglaublich wieder einmal mit meinem Vorbild an einer Weinprobe zu sein. Aber René verfügt berufsbedingt über die bessere Degustationskondition als ich, kein Wunder habe ich nach dem 20. Wein einen Geschmackstilt, mein Gaumen und die Nase sind übersättigt. Ich lege eine Pause ein und begebe mich aus diesem Grund in den Rauchersalon, wo ich per Zufall auf Karin Gabriel stosse - zigarillorauchend. Ich erkläre ihr, dass ihr Mann für mich die absolute Nummer 1 in Sachen Weinkenntnissen ist, worauf sie meint:
„Wenn Sie so Fan von meinem Mann sind, dann hätten Sie doch sicher Freude an einem Foto mit ihm?" Nachdem sie das gesagt hat, strömmt pures Adrenalin durch meinen Körper, ich kann kaum einen Satz gacksen. Das Foto wird gemacht, Rene Gabriel und ich, beide einen Haut Brion in der Hand haltend.
Fazit: Es gibt Dinge im Leben, die man so nicht wieder erleben wird, zum Beispiel eine Weinprobe in München mit René Gabriel und den edelsten Weinen, welche diese Welt produziert. Ich fühle mich auf dem Weinolymp in Obermenzing.

Die Trommel* ruft

Alle Jahre wieder. Die Trommel ruft und wir finden uns beim Rechtsanwalt Eschenweck in München Pasing zur 10 Jahresvergleichsdegustation Bordeaux 1996 ein. Wir beginnen aber nicht gleich mit den Roten, sondern führen uns den 1990 Pfälzer, Traubensorte Scheurebe vom Weingut Köhler Ruprecht zu Gemüte. Ein Weisswein mit einer Säurestruktur, welche in 100 Jahren noch dastehen wird wie heute! So was trinkt man effektiv nicht alle Tage.... Der heutige Besitzer, Bernd Philippi, war ebenfalls da und erzählte dann beim Nachtessen ein paar deftige, bayerische Witze, doch dazu später. Nach dem Aufwärmen beginnen wir mit den Roten, welche alle stramm aufgereiht im Salon des Gastgebers verkostet werden.
Hier die Weine (Auszug aus 36 Weinen):

Château Haut-Brion, Château Palmer, Château Margaux, Château Lafite-­Rothschild, Château Mouton-Rothschild, Château L'Evangile, Château Brion, Château Petrus, Château La Tour, Château Léoville-Poyferré, Château Léoville-Barton, Château Leoville-Las-Cases, Château Le Pin; Dominus Estate (der einzige Pirat), Château Ducru Beaucaillou, Château Valandraud, Château Clerc Millon, Château Belle Vue, Château Belgrave, Château Clinet, Château Carmes Haut Brion, Château Angelus, Château Calon Segur etc. etc.

Nach getaner Arbeit dann die Auswertungen. Ich liege nicht schlecht bei der Skalierung der Weine, im Durchschnitt habe ich (von 20 jeweils zu vergebenden Punkten) eine Abweichung zu René Gabriel von ca. anderthalb Punkten. Ausser beim Lafite-Rothschild, wo ich und viele andere 20 Punkte geben, René nur 17. Die Begründung liegt darin, dass ihm der Wein zu marmeladig erscheint, er die süffige Vanillenote im Hintergrund suchte und nicht fand. Das gibt Abzüge, daher 17 Punkte. Zum Essen gibt's einen bayerischen Hackbraten mit Knödel, wo Bernd Philipi neben mir sitzend folgende Witze auf Lager hat.

Lehrer Müller hat für den heutigen Biologieunterricht ein kleines Experiment vorbereitet. Dazu nimmt er einen Wurm und legt ihn in ein Whiskyglas. Der Wurm stirbt. Dann fragt er die Schüler: „Nun liebe Kinder, was lernen wir daraus?" Felix: „Dass Leute, die saufen, keine Würmer haben!" worauf unser Gastgeber meint: Gut zu wissen! Ich erlaube mir dann auch einen Witz zu bringen, womit die schlüpfrige Phase des Abends beginnt. Der Mann zur Frau: „Ich komme nach Hause und du bist nie da". Sie zurück: „Und ich komme nur, wenn Du nicht zu Hause bist!" Herr Philippi steigert dann das ganze noch in folgenden Witz. Japaner Nishikawa weilt in Europa bei Freunden zu Besuch. Die haben für ihn einen Kalbsbraten gekocht. Nishikawa: „Oh no, I can not eat lis! Gastgeber: „Ok. Do you want a hot dog?" Nishikawa: „Hot dog, hot dog! Yes, yes, I like hot dog!" Die Frau des Gastgebers bringt den hot dog, worauf Nishikawa sagt: „No, no, no! Lis is the only part of the dog I don't like!"

Sodele, nun das Fazit nach 36 Weinen und einem Abend mit der Trommel: Die '95er Bordeaux sind im Vergleich zu den '96ern einfacher zu unterscheiden gewesen, auch habe ich den Eindruck, dass die '96er generell mehr Zug haben, potenter daherkommen. Einig bin ich auch mit der vorherrschenden Meinung im Salon, dass Petrus nicht hält, was er verspricht, dafür aber Château Le Pin und Château Valandraud zu überzeugen vermögen. Dieser Ansicht war ich letztes Jahr nicht, aber deshalb machen wir das ganze j a auch.

Ich bedanke mich an dieser Stelle ganz herzlich beim Anwalt für seine Grosszügigkeit und den gelungenen Abend. Bis nächsten Februar, gleicher Ort, gleiche Leute, dann mit den ,97ern!


* Rene Gabriel's Bauch