|
|
|
Either you love it or you leave it!
In der Stadt, in welcher ich lebe, wird alljährlich das Frühlingsfest gefeiert. Da stehe ich dort in der Strasse und unterhalte mich mit meiner ehemaligen Haushaltshilfe, als zwei mir nicht unbekannte Personen vorbeigehen. Zu einem späteren Zeitpunkt treffe ich sie wieder an einem Stand, wo sie Käse kaufen. Ingrid spricht dabei im Verlaufe des Gespräches - als wir so durch das Fest schlendern - eine Einladung zu ihnen aus. Da ich mit einem Rezept bewaffnet (siehe weiter unten) noch Einkäufe zu tätigen habe, sage ich dieser Einladung für den späteren Abend zu und bemerke, dass ich dann das Resultat meines Rezeptes mitbringen werde. Am Abend bringe ich sodann das fertige Sbrinz-Mousse vorbei, während sich Ingrid ab 17 Uhr mit den Zubereitungen für das Angus Geschnetzelte mit Provence Gewürzen beschäftigt hatte. Wir verkosten zu diesem Essen – und dem Sbrinz Mousse - einen Wein – blind – den ich nachfolgend wie folgt beschreibe:
Nase: Erdbeeren, speckige Note, Bärendreck, Kaffeearomatik, französisches Barrique (ich tippe auf maximal 6 Monate Fasslagerung), Schwarzbrotaromatik, reduktive Tendenz, obwohl der Wein bis dahin 1.5 Stunden karaffiert war. Gaumen: Schöne Adstringenz, harmonische, sauber ausbalancierte Säurestruktur mit pfeffrigem Abgang. Das Potenzial liegt hier weit vorne. Ich werde 52 Jahre alt sein, wenn dieser Wein auf dem Peak ist. Die Rechenaufgabe überlasse ich dem Leser, wie viele Jahre das jetzt sind. Ich habe Jahrgang 1971 und heute schreiben wir das Jahr 2008….. Sodele. Rolf will dann von mir wissen, wo dieser Sunnyboy herkommt. Aufgrund der St. Emilion Assoziation, welche ich immer wieder beim Verkosten dieses Weines habe, denke ich: Ein Franzose ist es sicher nicht, da diese St. Emilion Assoziation nur über das französische Barrique generiert wird. Oberes Italien ist denkbar, wo ich mich dann auch darauf fixiere. Aber da ist das Problem mit der „nasalen Kälte“ des Weines. Viel Sonne hat er nicht gekriegt, also könnte es auch etwas anderes sein. Dennoch bleibe ich bei unserem südlichen Nachbarland und schreibe ein grosses „I“ auf mein Blatt.
Rolf deckt auf. Gut, fünfsechstel meiner Einschätzungen haben gestimmt. Den letzten Sechstel habe ich dafür aber verhauen. Der Wein besteht aus 55% Pinot Noir (=Erdbeeraromatik), 37% blaufränkisch - was ich aufgrund der reduktiven Tendenz des Weines aber nicht heraus roch (=wäre Pflaumenaromatik gewesen) - 8 % Cabernet Sauvignon (=Schwarzbrotaromatik). Und aus dem „I“ Land kommt er auch nicht, sondern er kommt aus dem „A“- Land“ oder „Ö“ - wie wir Schweizer den Staat gerne nennen - sprich vom Neusiedlersee und es ist ein Münzenrieder. Aber: Es ist kein waschechter Münzenrieder! Nein es ist eine „Petit Cuvée 2006 von Münzenrieder“, abgefüllt durch Edi Graf’s Firma In Vino Veritas in Stäfa, welches am „Z“-See liegt. Wenn Sie jetzt, liebe Leserinnen und Leser, nur noch Bahnhof verstehen, dann habe ich dafür ein gewisses Verständnis, für mich hat aber alles an der ganzen Sache Sinn gemacht, bis zum letzten Schluck! P-L Verhältnis ist zudem vortrefflich. Bei Edi kriegen sie den Wein für ca. CHF 21.-- Und damit nicht nur weinphilosophisch Kompliziertes in dieser Note zu Papier gebracht wird, wo der normale Weintrinker nur noch Bahnhof versteht, hier noch etwas für jedermann und jederfrau Verständlicheres:
Warum kann eine Blondine 77 nicht schreiben? Weil sie nicht weiss, welche 7 zuerst kommt!
Rezept Sbrinz-Mousse auf Frühlingssalat: (Vorspeise für 6 Personen)
60 gr. frisch geriebenen Sbrinz, 75 gr. Rahmquark, 2.5 gr. Gelatine (=1.5 Blatt), 1.5 dl Rahm, 1 EL Akazienhonig, 1 EL Wasser, 1 Bund Schnittlauch, Salz, Pfeffer
Gelatine in Wasser einweichen. Schnittlauch fein schneiden (nicht hacken!). Quark mit Salz und Pfeffer mischen. Rahm steif schlagen und kühl stellen. In einem Pfännchen den Akazienhonig mit Wasser leicht erwärmen, bis der Honig schmilzt (nicht erhitzen!). Pfanne vom Herd nehmen. Gelatine aus dem Wasser nehmen und im Honig auflösen. Diese Mischung mit dem Rahm in die Quarkmasse einrühren. Den Sbrinz darunterziehen. Zum Schluss den Schnittlauch daruntermischen und das ganze mindestens 2 Stunden kühl stellen. Servieren mit Blattsalaten und Vinaigrette www.muenzenrieder.at
|
|
|
Wie kann man sich einen Wein am Besten einprägen? Indem man ihn 2 Stunden lang trinkt
Ich pflege gerne über Mittag längere Zeit irgendwo etwas essen zu gehen. Heute tue ich dies mit einem Herrn aus Zug, mit welchem ich mich in die Göthestube zurück ziehe (www.kaisers-reblaube.ch), welches nach dem Motto arbeitet: Perfektion in der Einfachheit!
Wir sitzen draussen gegen die Kirche St. Peter hin und es kommt in mir das Feriengefühl von Italien auf. Herrlich warme Sonne, zwei kecke Serviertöchter, welche um einen herumschwirren und zwei Weine, welche wir zum Essen trinken. Der Business-Lunch an diesem Tag besteht aus einem Pangasiusfilet auf einer Cous-Cous-Garnitur mit Pfefferminze, Frühlingszwiebeln und leicht zitronisiertem Aroma. Dazu trinken wir einen 2006er Merlot aus dem Languedoc (ich mag keine Languedocs!) und eine 2004er Grenache-Zinfandel-Assemblage, ebenfalls aus dem Languedoc.
Dies wurde uns primär zum Hauptgang empfohlen. Dieser besteht aus einem butterzart gekochten Pouletbrüstchen an einer Kaffee-Aceto-Balsamico-Kruste und allerlei Gemüse. So! Und nochmals so! Oder so!! Genau so, jawohl! Ich hätte nicht gedacht, dass ein Wein einer Kaffee- Aceto-Balsamico-Kruste standhält. So oder so. Es ist aber so! Nase: Herrlich eingebettetes Barrique, das Substrakt leider kurz nach dem Öffnen noch keine Reifetöne zeigend, dafür mit feinen Muskeln um die sich die Säure und das Tannin filigran wickelt. Eine typische Merlotnase mit viel Languedoc Terroir (Mineralität). Irgendwie zum Ausflippen! Der zweite Wein kommt da schlechter weg: Diese Grenache-Zinfandel Mixtur wirkt künstlich, die Farbdichte kommt jenem Pinselwasser gleich, welches ich im Kindergarten vor mir stehen hatte, wenn ich im Malen eine violette Abendröte zu zeichnen versuchte. Auch hält die Blume zurück, zu viel Holz mit blockierten und harten Gerbstoffen, dafür Zedern, Tabak, schwarze Pfefferkörner.
Es ist eben so. Bünzli mag Languedoc nicht. Ausnahmsweise konnte ich aber mit dem Merlot sehr viel anfangen und ich werde meine Aversionen gegen das Gebiet zwischen der Rhône und der Garonne nochmals überdenken müssen.
Und wer noch nie im Göthestübli war, dort kommt man nicht nur für vernünftig viel Geld zu angenehmen Rauschzuständen, man kriegt für CHF 20.-- auch ca. 200 gr. patentierte Entenleber. So! Und last but not least noch ein Rezeptchen für die genannte Entenleber, nicht vom Göthestübli, sondern von mir:
Entenleber-Crostinis (würzige Entenleber auf Toastbrot) 8 Blatt Salbei, 40 gr. Butter, 12 Scheiben Baguettes, 100 gr. Entenleber, 1 Apfel, 1 Prise Salz, 1 Prise Pfeffer
Zubereitung: Baguettescheiben kräftig toasten. Die Leber fein hacken. Die Hälfte Salbei streifig schneiden. Einen halben Apfel schälen und würfeln. Die andere Hälfte in Spalten schneiden. Leber, Salbeistreifen und Apfelwürfel mit der Hälfte Butter unter Rühren braten, würzen, übrige Butter beigeben und der Teig auf die Toasts verteilen. Mit Salbeiblättchen und Apfelspalten garnieren.
|
|
|
Ich fröhnte dieses Wochenende bei Regenwetter wieder einmal einer meiner grössten Leidenschaften. In einen „Spunten“ sitzen und mir von „a fester Traktor“ Wein servieren lassen. Das ganze tat ich mit einem Tessiner Wein, welcher mir vorkam wie ein aufgepimpter Cadillac, der von einem cowboyhut-tragenden Alkoholiker gelenkt wird. Es herrschte schon beim ersten Schluck sogleich absoluter Taninalarm! Harte, fiese Gerbstoffe quälen meine Zungenränder bis ins Unermessliche, die Struktur des Weines kam mir zusammen mit dem „feste Traktor“ presslufthammermässig rein. Der „feste Traktor“ meinte dann: Was aubleanzlns? Ich zurück: Nichts, alles Bestens! Wobei ich mir dann denke: Die Frau ist wie der Mount Everest. Für einen normalen Mann schwer zu besteigen und auch noch schwer zu verstehen. Da ich mich nicht weiter mit dem Merlot auseinandersetzen will, bestelle ich mir einen Sauternes. Das geht zwar schweinisch in’s Geld (die 3/8 lt Flasche ist auf der Karte mit CHF 297.-- angeschrieben), aber ich will mir diesen Regentag nicht so in Erinnerung behalten, dass mich „a fester Traktor“ zusammengestaucht hat und ich auch keinen önologischen Höhepunkt hatte. Als muss Botrytis Cinerea her! Unter «Botrytis Cinerea» verstehen die Winzer übrigens die Edelfäulnis. Durch ein Zusammenspiel von Morgennebel und Nachmittagssonne werden die reifen Trauben von einem edlen Pilz befallen, der die Traubenhaut durchstösst und sich wie ein schützender Teppich auf dieser ausbreitet. Dabei «verdampft» der Traubensaft, die Beere schrumpft und der Zuckergehalt steigt. Der „feste Traktor“ bringt mir einen 1975er Château Doisy-Daëne, 2e Cru Classé Sauternes AOC (http://www.denisdubourdieu.com/gb/doisy.html). Einen grossen Schluck davon nehmen und folgendes dann auf den Block kritzeln:
Helles Gelb, sanft grünliche Reflexe. Ausladendes, toastig-röstiges Bouquet, Brotkruste, dahinter sehr reife Frucht. Im Gaumen weich, fliesst samtig über die Zunge. Wouw! Fülliges dezent marmeladiges nach reifen Aprikosen schmeckendes Finale.
* A fester Traktor = durchtrainierte, österreichische Bauerntochter
|
|
|
Doping für mein bestes Stück mit SVP
Lange ist es her, als ich das letzte Mal älteren Bordeaux dieses Château’s getrunken habe. Das letzte Mal vor 4 Jahren in Zürich Enge bei einer Raritätendegustation im Mövenpick Keller. Da haben wir den 1959 mit dem 1962 Château Mouton-Rothschild verglichen. Total krank, irgendwie … Dieses Mal geht’s nicht so oppulent zu und her, ich muss noch meine diesjährige Steurrechnung bezahlen, daher habe ich nur einen 2003 dieses Château vor mir stehen. Und ich sitze im „Le Jardin“ des Hotel Schwanen, studiere den unruhigen Wellengang des Zürichsees zu meiner linken und denke mir: Zum Glück gibt’s diese Plastikkarten von VISA! Dann beginnt das Doping für mein bestes Stück (=Gaumen). Als Starter stellt mir ein adrettes Fräulein eine gebratene Gänseleber mit hausgemachtem Rhabarbereis hin. Als Main Course schiebt sie dann einen heissen Teller vor mich hin, auf welchem ein Tafelspitz „Schwanen“ mit Apfelkren und Petersilienkartoffeln liegt. Dazu der Wein, funkelnd wie eine Disco-Kugel im Stroboskoplicht, herrlich rote Reflexe, die nasale Erotik hat etwas athletisches, partout vom Winzer nicht auf den Effekt hin kalkuliert und ein definitiv nicht für die Massen designter Wein. Die verstehen sowieso nicht was abgeht, wenn man an einem solchen Wein rumschnüffeln darf.
Gaumen: Extrem tanninreiches Baby, zuerst mit leicht grünlichem Touch, vollbusig, fleischig stampft er durch den Gaumen, drückt einem schön den Racheninnenraum zusammen und verabschiedet sich mit einem orcheströsen Finish im Hals des Konsumierenden. Das war der erste Schluck. Dann nochmals drei Schluck, um dieses Feeling zu wiederholen! Dabei vergesse ich das Essen zu mir zu nehmen, bis die Serviertochter fragt: Ist alles zu ihrer Zufriedenheit? Logisch, no further questions please! Zu schön ist dieses „Cabernet Sauvignon Merlot Cabernet-Franc Petit-Verdot“ Gemisch aus dem Pauillac.
Was nach diesem Mittagessen bleibt sind Glücksgefühle der besten Art, wieder einmal dekadent gewesen zu sein, gut gegessen zu haben und etwas, das mir in den Sinn kommt, wenn ich meinen Blick über den immer noch unruhigen Wellengang des Zürichsees gleiten lasse und dabei an meine Partei denke (SVP steht bei mir neu für So Viel Pauillac!). www.schwanen.ch
|
|
|
|
|