Wieviel Erotik kann Wein haben?

Manchmal muss es hart sein, ein Gewürztraminer zu sein. Wirklich! Armer, alter Gewürztraminer. Die meisten Weinfreaks rennen um ihr Leben, wenn er anfängt seine flamboyante Persönlichkeit nasal zur Schau zu stellen. Und dann können diese Freaks nur noch wie gelähmt zuschauen, wie diese aufgedonnerte Parodie selbstbewusst herumstolziert und sich allen im Glas fulminant präsentiert. Und das ist sie, die Nase des Gewürztraminers:

Litschi, Zitrus, tropische Frucht, frisch gemahlener schwarzer Pfeffer, Gesichtscrême (Nivea!) und Orangenblüten, weder aufgeblasen noch pummelig. Zur Struktur sei dies gesagt: Ist nicht genug Säure vorhanden, werden diese Weine kraftlos, sie erinnern an Butter, welche auf dem Teller in der Sonne schmilzt.

Nicht aber dieser hier! Der hat das Zeug sich einige Jahre in der Flasche weiter zu entwickeln. Ich ass dazu einen Zwiebelkuchen nach Elsässerart, das ganze im Rapperswiler Jakob am Hauptplatz (www.jakob-hotel.ch).

So, nun die Quintessenz:

Schlechter Traminer wirkt fett und schlampig, versprüht dabei einen treibhausschwülen Duft mit muffig faulem Früchteton. Das sind die Gewürztraminer, welche ich bis dato kennen gelernt habe. Bei diesem aber, ist das alles anders, ein himmlisch duftender Wein für den wir dem Winzer dankbar sein sollten. Und wieviel Erotik kann ein Wein nun haben? Brutal viel!

Jetzt sollte man eigentlich nur noch eines tun, sei es als Kenner oder auch als Nichtkenner von Weinen. Nach Rapperswil fahren und sich im Jakob eine Flasche kommen lassen ... und selbst urteilen.

Château Duvivier Korrigenda & Santagostino

Chateau Duvivier 1999 (Korrigenda)

Vor ca. 2 Jahren beschrieb ich diesen Wein bereits einmal. Damals war bei mir die Rede von Elefanten und: „Wer's animalisch mag, sollte es riskieren!" Dar guten Ordnung halber, hier erneut die damalige Beschreibung:
Wie kommt ein Elefant nach Château Duvivier?
Samstagabend, ich öffne einen nach biologischen Kriterien produzierten Wein um Var von Antoine Kaufmann. Ein Blend aus Cabernet Sauvignon, Syrah und Carignan (Les Hirondelles 1999).

Bereits beim Umleeren in die Karaffe zieht es mir die Augenbrauen hoch, fühle mich in den Zürcher Zoo versetzt. In der Nase eine animalische Begrüssung (woher kommt dieses elefantöse Bouquet?), gefolgt von Moos, Blaubeeren, feinsandigem Fluss. Nach einiger Zeit verflüchtigt sich das Rüsseltier, um dann aus der Savanne zurückkehrend wieder im Glas aufzutauchen.

In der Struktur leicht dominierendes Tannin, dafür kräftig im Zug, auf der Zunge pelziger Restbestand. Im Abgang trötet mir der Elefant wieder entgegen. Potential: ca. 5 Jahre Ich ass zum Wein Schweinsplätzli an einer Thymian-/Knoblauchsauce, welche mit 2 dl Les Hirondelles verfeinert wurde.

Conclusio:
Wer es animalisch mag, sollte es riskieren. Oder etwas pathetischer formuliert: Feel the elements with piggy and the elephants!

Heute schreibe ich:

Wer's romantisch mag, feel the elements with Duvivier and good friends!"

Nase: Zedernholz, Eiche, Harz, Schuss Erdbeeren, flankiert und unterlegt mit Waldbeeren, pferdig Leder, frech bezüglich nasalem Alter, verblühende Rosendüfte. Im Gaumen erotisches Säurespiel, viel Biss, fleischig mit wuchtigem Abgang.

Dispositiv: Noch „in line" mit der damaligen Beschreibung (der Wein hat 3 Jahre Flaschenreifung hinter sich), aber wenn's darum ginge den Wein anhand der damaligen Tasting Note zu erkennen, dann hätte ich ein ziemliches Problem.

Santagostino Firriato 2001

Es ist wieder einmal so weit. Einer meiner Arbeitskollegen drückt mir 2 Tage vor meinem 33. Geburtstag einen sizilianischen Wein - mit einem nicht genau definierbaren Siegerlächeln - in die Hand und meint: "Probier mal den und schick mir Deine Tasting Note!" Als ich nachfrage, was das denn für ein Wein sei (das Siegerlächeln hat sich verstärkt), meint mein vis-à-vis: "Mein Hauswein"

Gut, der Mann will eine Hardcore Analyse haben? Soll er sie kriegen! Nase: Schokodüfte (hellbraune Schokolade); Noisette; oppulente, ausladende Rauchkomponenten - derart ausladend, dass nicht einmal Rubens so etwas mit seinem Pinsel auf ein Bild gebracht hätte.

Nun die Frage, welche Fässer hier verwendet wurden. Hier liegt der Wurm drin! Ich tippe auf amerikanisches Barrique (Zedernholz), weil der typische Vanilletouch fehlt, welcher durch die französische Eiche in den Wein "reingeschwängert" wird. Ich bin mir aber nicht sicher, durchaus möglich, dass der Wein Touchpoints mit vorerwähntem Holz hatte; die Frage ist: Wie lange? Desweiteren: Ständig dieser Beerenduft, ich pendle zwischen Brombeeren und Himbeeren, was aber durch das ständige, zedernholzmässige Reinschwappen des Fasses erschwert wird. Dispositiv, der Wein hatte nun 30 Minuten Zeit, sich mir zu präsentieren: Brombeeren.
Gaumen: Bombastische Adstringenz, ein Wucht, kein Vergleich, interessant auch der Nachhall...

Preis-Leistungsverhältnis:
Viele dieser überteuerten (Super) Italians habe ich verkostet und muss klar festhalten, dass viele dieser Weine zu teuer daher kommen. Hier haben wir einen Wein, welchen ich mit ca. CHF 20 veranschlagen würde. Sollte er sich in der Weinszene einen Namen machen, dann leveraged sich der Preis entsprechend hoch, das Potenzial gegen gewisse, vorerwähnter Weine anzutreten hat er jedenfalls. Abschliessend folgendes: Sollte Dein Vater Kai noch mehr von diesem Wein in die Schweiz bringen, lass es mich wissen und wir werden ganz dicke Kumpels!

Das Kücken am Tisch

Freitag Abend, Stäfa, es treffen sich 6 Personen zum gemeinsamen Wine & Dine bei Edi Graf im Restaurant "la bouteille": www.invinovita.ch

Als Starter kann man zwischen diversen Rieslingen auswählen. Edi stellt mir einen Donatus 2001 im Burgunderglas (!) hin und wünscht viel Trinkspass. Ich denke mir: Was soll das? Ein Burgunderglas, der Wein muss sich ja absolut prostituieren und kriegt viel zu viel Luft. Aber ich werde Unrecht behalten und im Verlaufe des Abends noch einiges über Glasdynamiken zu hören kriegen. Riesling Donatus 2001, Nase:
Viel Seniorität, schätze ihn älter als 6 Jahre, herrlich eingebettet im Holz mit einem harmonisch filigranen Übergang zu Quitten und Zitrusfrüchten. Der 2001er zeigt sich leicht petrolisch, ohne aber eine unangenehme Schärfe zu entwickeln. Reife Orange!
Gaumen:
Sehr eleganter Auftakt, cremig, dicht und mit schöner Extraktsüße. Spargelwasser, spritzig frisch und total gegenteilig von dem, was ich von den nasalen Eindrücken her erwartet hätte. Ein Hammerbaby, zu haben für CHF 23.--
Dispositiv: Sofort kaufen!

Als zweiten Wein stellt mir Edi einen Grünen Veltliner Reserve 2005 von Weinrieder hin.
Inzwischen weiss am Tisch jeder was zu tun ist: Sich anstrengen die Weine zu verstehen, aber dabei trotzdem noch Geniessen.
Viel Mineralität, sehr sec, efeuig, für einen Veltliner effektiv „reserve“, praktisch keine Säure, macht überhaupt keinen Druck am Gaumen. Ein sympathischer, gut gelungener Wein, im Abgang derart lang, wie wenn man neben einer Kirchenglocke steht, welche gerade geschlagen hat und der Ton am Ausklingen ist. Edi erklärt den Background des Weins:
In mehreren Lesedurchgängen werden die wertvollsten Veltliner-Trauben selektioniert, Weinrieder sei Winzer des Jahres in Österreich und dass das Weingut Poysdorf 50 Km nordöstlich von Wien liegt und dass dort das Hauptanbaugebiet des grünen Veltliner ist, weshalb es auch als Veltlinerland“ bekannt sei.
Dispositiv: Erstens kann ich mir gar nicht alles merken, was Edi da im Schnellzugstempo an neuem Wissen, charmant und mit der nötigen Spritzigkeit an Humor rüberbringt und zweitens werde ich hier noch viel Lernen, das ist sicher!
Wir essen zu diesem Wein Rucolasalat mit Feigen, Coppa und Pinienkernen. Als ich von Edi wissen will, was er da für ein Öl am Salat hat, kommt folgende Antwort: "Was für ein Öl am Salat ist? Willst Du das wirklich wissen? Die 0.7 dl Flasche kostet CHF 27.00 und kaufen kann man sie bei mir!"
Nun, der Mann ist gut, hat ein gesundes Ego und überzeugt immer mehr mit seiner Art.

Dritter Gang:
Zum Essen gibt es gebratene Entenleber auf lauwarmem Grapefruitsalat. Hier zieht Edi wieder etwas Spezielles aus seiner Trickkiste: Ein Eiswein Chardonnay Welschriesling 2000 ebenfalls von Münzenrieder. Der Wein hat brutal viel Schmelz, unglaubliches Potential, exzellente Limetten-Aromatik, marzipaniger Nachgeschmack mit einem Abgang von genau 2 Minuten! Punkt. Mehr kann ich nicht sagen. CHF 32.00 kostet dieses Trouvaille und kaufen kann man ihn ....... bei Edi! Fazit: Man(n) muss nicht Millionär sein, um Chardonnay trinken zu können. Allerdings sollte man ihn nur in zwei Ländern suchen: Österreich und Frankreich. Alles andere kann ich nicht empfehlen.

Beim gebratenen Rindsgeschnetzeltem an einer Zwiebelsauce mit Sesam-Kartoffeln empfiehlt der Gastgeber „La Fusina 1998“. Ich verkoste. Und hier der erste Ausrutscher des Abends! Der Wein heisst nicht nur wie ein Designerstuhl, er schmeckt auch so. Ich denke: Ruft den Katastrophenschutz, ich habe ein Uranleck entdeckt! Tanine, dass einem die Augenäpfel rausstehen, hart und aggressiv, man ist der Ohnmacht nahe. Rückfrage bei Edi, was da die Überlegung hinter diesem Wein sein soll. Ziemlich schnell stellt sich dann folgendes heraus: Der Koch hat nicht diesen Wein zur Sauce verwendet und er hat den Wein auch nur kurz vor dem Servieren für die Saucenzubereitung dazugegeben. Dadurch zerflederte die Säure des Weines den ganzen Geschmacksaufbau im Gaumen und die Symbiose, welche zwischen dem Wein und dem Essen entstehen sollte. Die Säure im Essen macht also die Tanine noch aggressiver, das heisst dass der Fusina die Taninhärte schlicht potenziert. Edi zaubert dafür sehr schnell einen Merlot hinter dem Tresen hervor und ich kann beruhigt weiteressen und der Trinkgenuss ist ebenfalls wieder hergestellt.

Beim Dessert passe ich dann, weil ich schon ziemlich voll bin (vom Essen, liebe Leser!) und horche noch den Ausführungen von Edi, welcher uns noch lange, viele interessante Dinge über Oxidationsgeschwindigkeiten von Fässern etc. erzählt

Fazit des Abends:
Viel neues Wissen, viele neue Weine. Und es sass ein junges, unerfahrenes Kücken am Tisch. Das war ich.