Das Hauser'sche "get together"

Was haben Familienfeste jeweils gemeinsam? Es sind auch immer Leute zugegen, von denen man denkt:
"Müssen die hier sein?"
So auch am Hauser'schen „Get together" in Näfels, wo ich nach kurzer Zeit entschied, mich dem: "s'Tantä Anni isch früänär gärn z'Bärg gangä und hät i dä Fridolinhüttä..." - Bla bla bla zu entziehen. Ich suche die tiefere Konversation mit einem '87 Beychevelle, was dem Gastgeber bald einmal auffällt. Dieser meint dann:
"Christopher, gehen wir in den Keller, die hier verstehen sowieso nichts von Wein!"
Umgeben von diversen Bordeauxgrössen verkoste ich den 1979 Château Lynche Bage, aus dem Pauillac. In der Nase volles Holz, Preiselbeeren, frische Kaffeearomen unterlegt mit Pflaumen, schokoladig - ein Pferd galoppiert vorbei - gefolgt von flüchtigen Terroirnoten.

Struktur:
Der Wein hat leider nur noch schwachen Zug, erinnert mich an den Château Margaux 1962, im Substrakt flackert die in jungen Jahren komplexe Dichte dünn auf, melassig mit extremer Restsüsse. In der Retro Olfraktion wieder diese Schokolade mit Holz und Preiselbeeren. Happige Orangereflexe für einen'79er.

Fazit:
Die 1979 dieses Château sind über ihrem Peak. Oder wie sagte Jean-Pierre gleich: "Die werden auch nicht besser", womit er meinem Hauptargument Rechnung trägt, immer wieder in den Keller zu gehen, um ältere Bordeaux zu holen. Dies sehr zum Ärger meiner Partnerin, welche jeweils meint:

"Du findest immer einen Grund, um eine Flasche auf zu machen!" Aber wirklich: Sie werden nicht besser...

1968 Porto Presidential Colheita

Warum trinkt ein Chäteaubesitzer im Restaurant nur noch seinen Zweit­wein? Antwort: Weil ihm sein «Grand Vin» zu teuer geworden ist..

Und warum mache ich Wine & Dine's? Antwort: Weil ich weiss, dass ich dann von Dante ganz teure Sachen geschenkt bekomme...Und da Dante kein Bescheidener ist, will er auch gleich eine Tasting Note von seinem Geschenk haben. Und hier ist sie, die Tasting Note:

Porto Presidential Colheita / 1968 von C. da Silva

Harmonische Nase, ich darf nasal rum-racen wie Schuhmacher in Monaco, fein eingebundene Eiche, grüne Baumnüsse das es nur so knallt, ein Schuss Haselnuss im Hintergund, Karamel, dann kommen schöne Fruchtaromen, extrem rosiniert. Und erst die Farbe eine Mischung zwischen dunklem, goldigen Olivenöl und Bernstein, einfach nur schön, wunderschön! Ein portugiesischer Selbstdarsteller wie aus dem Bilderbuch mit brutal viel „gaumen-sound", der Wein klebt an der Zunge, wie ein Zug auf den Schienen, macht im Rachen enormen Druck. Schöner, satter Biss, wieder herrliche Eichennoten bis lang in den Abgang hinein. Auch in den Nasenflügeln schlägt das Vanille minutenlang nach, dunkle Schokolade, Nelken, einfach genial!

Als Referenzgrösse habe ich meinen Liebling, den 40 jährigen old Tawny von Taylor, vor Augen. Nun, kein Vergleich, der „Presidential" ist „Presidential" und bleibt „Presidential", da kann geschmacklich auch ein 40-jähriger Porto nicht mithalten.

Was mich hier eigentlich nur stört ist das, was ich in den zwei einleitenden Sätzen geschrieben habe. Und zu alledem kommt noch ein Problem hinzu. Mit jeder Flasche die vom 1968 getrunken wird, wird der Welt eine Flasche entzogen! Das ist schlecht und daher stipuliere ich als Abschluss folgendes:

Trinkt ihn bitte nicht, dann bleibt mehr für mich!

Signor Bertorre (ver)sucht sein Glück

 Anruf bei mir zu Hause von einem Herrn Bertorre (oder ähnlich). Er labbert mich voll, dass ich ja gerne hin und wieder ein gutes Glas Wein trinke und deshalb möchte er mir jetzt ein ganz spezielles Angebot machen. Aha, denke ich mir, Herr Bertorre also!

Welche Firma vertreten sie? Villa Ducale?"

Nun: Weder „Villa Ducale" noch der nach Mafia klingende Name „Bertorre" sagen mir etwas. Aber man will nicht unhöflich sein und die Firma will ja immerhin Umsatz generieren. Daher frage ich auch gleich nach: „Was haben Sie den so in ihrer Trickkiste?" Antwort: „Jaaaa, Herr Bünzli, einen Saliiiizsche Salentino, mit viel Frucht und so, sie wissen schon!" Ich antworte: „Gut, ich komme nächsten Freitag vorbei und schaue mir das mal an." Am drauffolgenden Freitag finde ich mich an der Weinbergstrasse in der Villa Ducale - wie Herr Bertorre das Gebäude nennt - ein. Begrüssung, allgemeines bla-bla, Aufsuchen des Sitzungszimmers, kurze Vorstellung meiner Person, wo ich arbeite, was meine Präferenzen sind (Château Margaux 1959). Verdutztes Gesicht seinerseits und nasse Achselhöhlen. Er bringt mir 4 Flaschen, 3 no names und eben diesen „Saliiiizsche". Ich verkoste. Die no names bleiben mir nicht in Erinnerung, nicht weil sie no names sind, sondern weil sie nichts hergeben. Ich habe schon erste Zweifel, was mich beim Highflyer Salentino erwartet. Aber eben, es ist wie mit den Zweifeln. Zweifel sind wie kleine Teufel! Wenn sie einmal da sind, gehen sie nicht wieder weg.

Leone de Castris Maiana Rosso Salice Salentino doc 2001

... und action!
In der nase kein Profilneurotiker, Malagatouch, ein Rotwein aus kontrolliertem Anbaugebiet, der aus Negroamarotrauben gewonnen wird. Starkes, intensives Bukett nach Speckwürfeln. Fertig! Als Herr B. seine Nase so tief in's Glas drückt, dass die Nasenspitze fast den Glasboden berührt, muss ich ihn zurechtweisen. Ich erkläre, dass Frank Sinatra das Mikrophon beim Singen auch nicht in den Mund genommen hat ....

Gaumen:
H
armonischer, weicher Geschmack, eine Struktur, die dem Getratsche auf einem Wochenmarkt ähnelt. Meine Fresse, was geht hier ab? Ich gehe ja auch nicht mit einer grünen Banane auf den Markt und verkaufe diese.

Erstes Dispositiv:

Das Ganze hat echt Eindruck hinterlassen. Was lernen wir daraus? Keine Weine via Telemarketingaktionen bestellen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass unterdurchschnittlicher Fusel vollmundig als „Highlight" angepriesen wird.

Zweites Dispositiv:

Laut meiner Psychologin habe ich dieses Treffen in einem halben Jahr wieder vergessen. Oder verdrängt .....

Wein-achten

Was ist an Wein-achten .... Entschuldigung .... Weihnachten das Schönste? Wenn im Radio diese emotionalen Lieder laufen, wie „I wish you a Merry Christmas", „Rudolf, the red nose reindeer, had a very shiny nose!" oder „Jingle Bells, Jingle Bells". Natürlich, ist an Weihnachten auch Bescherung. Und dazu trinke ich Weine. Also gehe ich in meinen Keller und suche nach Flaschen aus dem Bordeaux und finde dort etwas, dass ich vor Jahren einmal so gut versteckt habe, dass ich es bis heute nicht mehr gefunden habe:

1997 Nuits-St-Georges, ler Cru Les Perrieres, Domaines Forey Pere et Fils

Nase: Deutlich mineralisch-feste Noten, der Wein ist elegant strukturiert, die roten Früchte (Johannisbeeren) dominieren, eine offene, generöse Nase mit verführerischer Süße. Gaumen: Hier ist Musik drin. Ich mag den Stil solcher Weine, weil diese facettenreich sind, ein Kraftpaket darstellen. Fein und duftig, auch saftig im Geschmack. Ein Machowein, der nach dem Motto lebt: Ich bin cool und ich weiss es. Vor Jahren habe ich beim Kauf voll auf Les Perrieres` Fähigkeiten vertraut .... und Recht bekommen. Fazit: Nuits-St-Georges Les Perrieres, Du hebst meine Mundwinkel an!

Zweiter Slot (die Geschenke sind ausgepackt): Plaste und Elaste Paste!
Ausgangslage: Ich bin auf der Pirsch!
Mein Name: Bünzli. Christopher J. Bünzli.
Auftrag: Die Lage im Burgund ausloten.
Das zu beurteilende Objekt: 2003 Bourgogne, Hautes Cötes de Nuits

Nase: Mein Dauergrinsen vom Nuits-St-Georges, ler Cru Les Perrieres ist plötzlich weg. Das ist wohl nicht schlecht, denn ein solches Dauergrinsen könnte dazu führen, dass die Leute meinen ich hätte einen Kleiderbügel im Mund. Aber was ich hier in die Nase kriege, geht doch ein bisschen weit. Eine explosive Mischung aus reinem Alkohol und irgendwelchen künstlichen, nicht genauer definierbaren Beerendüften. Wissen Sie, ich habe immer eine leere Bierflasche im Kühlschrank stehen, es könnte ja einmal jemand vorbei­kommen, der nichts trinken will. Diese Bierflasche wird jetzt ersetzt!

Im Gaumen nur soviel: Ich wünsche dem Wein das, was er nicht ist: Das Allerbeste! Es ist einfach nur schrecklich. Weiter unten in der Strasse, in welcher ich wohne, steht eine morsche Pappel. Die hat so viel gemeinsam mit diesem Wein ....

Fazit: Lassen Sie sich nicht zum Affen machen, meiden Sie diesen Wein!

Sans grüässt!

Samstagabend, ich habe mir erlaubt meinen Kollegen Ruedi und meine Mutter zu einem Probeessen einzuladen. Es gibt Pichelsteiner nach Bundeskanzler Art, dazu 4 Weine, drei bringt Ruedi mit. Es sind dies:

1996 Pauillac, Rothschild Reserve Speciale
1998 Dehesa la Granhja (den 99er habe ich bereits in einer Tasting Note beschrieben)
1997 Mondavi Oakville unfiltered, Cabernet Sauvignon
Und ich habe den 2004er Grifalco aufgetischt, ein sportlicher Italiener

Wir beginnen mit der Degu. Pauillac:

Dünn, leichte erdbeerige Aromatik, kein Substrakt, verblühte Rosen, der Wein kommt angedackelt wie qualifizierter Unsinn im Quadrat. Gaumen: unsympathische Säure bis fast in’s bittere, modrig.

Da der Pichelsteiner 4 Sorten Fleisch enthält (Schaf, Lamm, Kalb und Rind) und das ganze sowieso eine starke Eigenaromatik hat, hat dieser Wein auch keine Chance. Das hätte er auch nicht, wenn man ihn nur so trinken würde. Der Wein kommt einem rein wie wenn man sich selbst auf der Backe mit groben Schleifpapier rumschleifen würde. Als ich für die Rothschlid Bank arbeitete verkaufte man diesen Wein in der Garage unten. Da gehört er auch hin.

1997 Mondavi Oakville:
Zarte, fette ölige Blume, Schwarzbrot, Lakrize, Brombeeren, ein Hammer-Holzmanagement, Schokolade, Stich Efeu
Gaumen: schöner gut balancierter druck am Gaumen, süchtigmachende Restsüsse welche in’s pfeffrige geht, erdig mit leicht pelziger Zunge.
Fazit: Ein Wein der so richtig etwas an der Waffel hat. Mein Favorit zum Pichelsteiner nach Bundeskanzler Art.

1998 Dehesa la Granja:

Harz, Pferd, staubige Mineralität, Wirz, Himbeeren, viel Sonne, eleganter maskuliner Abgang, erinnert mich an die Brüste einer gut genährten Frau, wo man gerne reinkuschelt, wunderschön auch der spanische Boden im Wein, hat noch viel Alterungspotential, obwohl er schon 10-jährig ist. Kurzum: Ein kühl inszeniertes Theater der Selbstdarstellung und das zu recht!


2004 Grifalco

Jugendliche fast schon pubertierende, blaubeerige Nase, Steinfels Fleckenreinigerseife, frisch abgeknellte Holzstengel, Schinken, erdiges Finish mit harten Taninen. Meinen beiden Gästen gefällt dieser Wein am Besten, da er am geschmacksintensivsten ist.

Dispositiv des Abends: Alle sind ziemlich voll (vom fränkischen Essen), nur 2 der 4 Weine haben zu diesem Rezept gepasst. Es war auch schwierig, hier etwas Richtiges zu finden. Wissen Sie wieso? Weil man zu diesem Rezept normalerweise Weizenbier trinkt und nicht Wein.